Life is too short for bad coffee – go Moldova!
Warum Moldau?
Einer der wenigen weißen Flecken auf meiner Europa-Reisekarte. Weil vergessen und eben doch Europa. Weil quasi unentdeckt - zumindest von vielen Westeuropäern, weil kein aktueller Reiseführer am Markt. Weil günstige Low-Cost-Direktflüge und klein genug für kleines Zeitbudget. Weil Roaming wie zu Hause.
Los mit Hindernissen
Vorbildlich wurde am Vortag eingecheckt, als erfahrene Reisende nicht weiter auf den Boarding Pass mit der Flugzeit gesehen. Das Feld „Flugnummer“ beim kurzfristigen Buchen des Mietwagens zeigt nur einen einzigen Flug nach Chișinău an und der geht rund 1,5 Stunden früher als unser gebuchter Flug. Für uns immer noch kein Hinweis auf eventuell geänderte Flugzeiten. Am Flughafen dann das böse Erwachen: unser Flug ist bereits zum Boarding aufgerufen! Stress und los! Jeder und jede hat Verständnis und lässt uns schnell zur Sicherheitskontrolle, als eine der Letzten erreichen wir das Gate. Im Flughafenbus fällt mir während des ersten Durchatmens auf, dass mein Mann zwar zwei Jacken (wir reisen nur mit Handgepäck), Ausweis und Boarding Pass bei sich hat, aber wo ist seine Tasche? Mit Begleitung schafft er es ohne Papiere zurück zur Sicherheitskontrolle, wo ihm das gute Stück schon entgegengehalten wird.
Der Flieger hebt pünktlich ab, gut zwei Stunden später sind wir bereits viel früher als geplant in Chișinău.
Chișinău
Vor dem Einchecken im Hotel geht es erst mal in die moderne Shopping Mall „MallDova“ zum Geldziehen, Wasser kaufen und nettem georgischen Lunch. Irgendwie passend, haben die beiden kleinen Länder doch vieles gemeinsam: beides Nachfolgestaaten der Sowjetunion, liebe Menschen, uralte Weinkultur, russisch besetzte Gebiete und mit Khachapuri und Plăcintă zwei ganz ähnliche Gerichte.
Das Komilfo Hotel ist gut gelegen, Parken kein Problem. Zu Fuß laufen wir Richtung Zentrum. Das Wetter ist super, und uns fallen als Erstes die vielen Notariate auf. Ein kurzer Check bei der KI Gemini klärt auf: für vieles, was in anderen Ländern privat oder ganz einfach schriftlich erledigt werden kann, ist in Moldau zwingend ein Notar nötig. Wir erkunden die Hauptsehenswürdigkeiten der kleinen Hauptstadt Chișinău: Kathedralenpark und Triumpfbogen, der älteste Park Moldaus Parcul Ștefan cel Mare, am Eingang steht die Statue des Nationalhelden Stefan der Große. Das Nationaltheater für Oper und Ballett „Maria Bieșu“ liegt amBulevardul Ștefan cel Mare și Sfînt. Es ist nach der berühmten moldauischen Sopranistin Maria Bieșu benannt, die international als eine der besten Interpretinnen der „Madama Butterfly“ galt. Das Gebäude von 1980 sieht stark nach sowjetischer Architektur aus.

Wir laufen vorbei am Regierungsviertel mit vielen staatlichen Gebäuden durch eine charmante, historische, beschauliche Gegend bis zum Wasserturm.

Es ist Wochenende, die Menschen tanzen im Park, viele junge Leute sind auf der Straße, bevölkern die netten Cafés, oft mit verspielt französischem Chic. Der Kaffee schmeckt überall hervorragend.

Cricova und Orheiul Vechi
Nur etwa 15 km nördlich von Chișinău liegt die unterirdische Weinstadt Cricova. Für 11 Uhr haben wir eine eineinhalbstündige Tour im Elektrobus gebucht. In den unterirdischen Gängen lagern Millionen Liter Wein. Unser Guide spricht hervorragendes Englisch, ist sehr charmant und humorvoll.

Meinem scharfsichtigen Mann fällt die leere Stelle an der „Wall of Fame“ neben Juri Gagarin auf: Putins Porträt wurde entfernt, seine persönliche Weinkollektion, über 600 Flaschen - lange Zeit eine der Hauptattraktionen für Touristen - in ein geschlossenes Lager verbannt.
Nach weiteren 50 Minuten Fahrt erreichen wir Orheiul Vechi, die bekannteste Sehenswürdigkeit in Moldau. Wir wählen die östliche Route dorthin und befinden uns ganz in der Nähe des Flusses Dnister/Nistru/Tyra und der Demarkationslinie zu Transnistrien. Plötzlich taucht rechter Hand ein Militärposten mit russischer Flagge und Panzern auf. Einen Abstecher nach Transnistrien hatten wir nicht geplant, einladend war die „russische Friedenstruppe“ bestimmt nicht.

Richtung Orheiul Vechi genießen wir das ländliche Moldau, mit netten Siedlungen, oft grün und blau gestrichenen Gartentoren und Häusern, privaten Brunnen, vielen Kirchen und Straßenkreuzen, vereinzelt Ziegen und Pferden.

In Orheiul Vechi checken wir in der Villa Etnica ein. Wir laufen von der Unterkunft zur Marienkirche von 1905, steigen hinunter in das orthodoxe Höhlenkloster aus dem 17. Jahrhundert, das in eine Kalksteinfelswand oberhalb des Flusses Răut gehauen wurde.

Wir genießen einen sonnigen Nachmittag im Restaurant Casa Maria by Asconi Winery mit Kompott - ein süßes, erfrischendes Fruchtgetränk, Plăcintă cu brânză – dünne mit Schafskäse in der Pfanne gebackene Teigfladen und das typische Maisgericht Mămăligă, ähnlich der Polenta.

In dem kleinen Eco-Dorf Butuceni gibt es wunderbaren Kaffee und im Sommer das DescOPERA-Festival im Freien im natürlichen Amphitheater.
Kloster Țipova, Gypsy Hill, Curchi und ein Goldfisch
Man serviert uns unser Frühstück mit Kaffee, Tee und Omelett bereits am Abend, da uns 10.00 Uhr am nächsten Morgen zu spät ist. Wir müssen früher los um weiter nach Norden in die „Zigeunerhauptstadt Moldaus“ nach Soroca zu gelangen und am Abend wieder zurück in Chișinău zu sein. Zunächst möchte ich aber das 75 km entfernte Kloster Țipova am westlichen Dnister-Ufer sehen. Unterhalb der heutigen Kirche gehören in den Kalkfelsen eingemeißelte Wohnhöhlen zum Kloster. Die ältesten der unter Denkmalschutz stehenden Felshöhlen wurden im Mittelalter von Eremiten angelegt.

Wir sind die einzigen Besucher, aber es gibt ein kleines Tickethäuschen. Wieder blicken wir auf Transnistrien auf der anderen Flussseite.
Klezmerklänge von Spotify – die Ursprünge finden sich in Moldau – begleiten uns auf unserer weiteren Tour nach Soroca. Wieder sind wir am Fluss Dnister, diesmal reicht der Blick in die Ukraine. Die Festung hat montags geschlossen, ist aber auch von außen betrachtet schön.
Mich zieht es aber vor allem wegen der Roma hierher. Und ich möchte die verlassenen, extravaganten Roma-Villen am sogenannten Gypsy-Hill sehen. Viele der Häuser sind unvollendet oder stehen leer, da viele Roma ausgewandert sind, um Arbeit zu finden. Zwischenzeitlich regnet es in Strömen, so dass wir aus unserem geplanten Spaziergang eine Spazierfahrt durch dieses Wohnviertel machen.

Für die 180 km Rückfahrt nach Chișinău inklusive Abstecher zum Kloster Curchi – in der Sowjetzeit als psychiatrisches Krankenhaus genutzt – benötigen wir fast drei Stunden reine Fahrzeit.

Wieder zurück in der Hauptstadt empfängt uns ein kleiner Miet-Goldfisch an der Rezeption des Weekend Boutique Hotels.

Die Nacht ist kurz, um 4.00 Uhr morgens erhalten wir unser „Breakfast-to-go“. Der Fisch ist weg, schlummert wohl bei einem einsamen Hotelgast. Zwei Stunden später geht bereits unser Flieger zurück in eine andere Welt.
Retour
Wie auch schon beim Hinflug, fällt mir auf, dass die wenigsten Mitreisenden Deutsche sind. Deutsch und Englisch wird gar nicht verstanden. Wohl eher Moldauer auf Familienbesuch oder vielleicht Transit-Reisende aus der Südwest-Ukraine. Ach ja, auch der Rückflug wurde vorverlegt, so dass wir bereits um 7.00 Uhr morgens deutscher Zeit wieder sicher in München landen.
Fazit
Moldau überrascht und inspiriert. Und ist doch so vertraut. Europäisch. Wir fühlen uns zu jeder Zeit willkommen. Mulțumesc frumos! Der frühe Flughafen-Kaffee schmeckt wunderbar.
Life is too short for bad coffee – go Moldova!