La Serenissima su due Ruote: Eine Rad-Oper in 5 Akten mit 4 Pfoten

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La Serenissima su due Ruote: Eine Rad-Oper in 5 Akten mit 4 Pfoten

Das Ensemble:

  • Die Orchesterleitung - die Eltern: Verantwortlich für Rhythmus, Gepäck und die richtige Übersetzung am Berg.
  • Der Solist- der 16-jährige Teenager: Zuhause am liebsten am Zocken, mutiert er auf der Tour zum sportlichen Tempomacher, dabei das Handy immer fest im Griff. Er liebt die Natur, die Berge und gutes Essen, interessiert sich auch für Geschichte und Städte, würde das aber vor den Eltern natürlich niemals freiwillig zugeben.
  • Die Primadonna - Mischlingshündin Finni, 3: fährt am liebsten in ihrer Carrozza (dem Radanhänger) vorneweg und genießt den Fahrtwind. Sie ist neugierig und sehr sozial - und einfach gerne mit dabei.

Prolog & Ouvertüre:
Das Pustertal-Präludium –
Von Franzensfeste nach Olang

Wir starten gegen 11 Uhr in Fortezza am historischen Eisenbahnknotenpunkt im Schatten der mächtigen Festung Franzensfeste und radeln vom Eisacktal hinein ins Pustertal. Zu Beginn geht es knackig bergauf, vorbei am Mühlbacher Stausee und durch die idyllischen Dörfer Mühlbach und Vintl.

Die Sonne brennt. Schroffe Felswände wechseln sich bald mit weiten, saftig grünen Wiesen ab. Die Rienz gibt den Takt vor.

In St. Lorenzen machen wir einen längeren Stopp. Hinter Bruneck geht es nochmals sanft bergauf Richtung Kronplatz. Unser erstes Etappenziel ist aber der Liebharterhof, wunderschön ruhig in Olang gelegen.

Während wir Eltern uns frisch machen für das Abendprogramm, mein Mann mit Duolingo weitere Italienischhäppchen paukt, checkt unser Sohn erst einmal das WLAN.

1. Akt:
Das Dolomiten-Crescendo –
Von Olang nach Borca di Cadore

Die ersten Kilometer führen uns hinauf nach Toblach, dem Tor zu den Sextner Dolomiten. Hier biegen wir ab ins Höhlensteintal. Ab jetzt geht es stetig, aber sanft bergauf auf der Trasse der Dolomitenbahn, der historischen Schmalspurbahn.

Während des Ersten Weltkriegs bauten die österreichisch-ungarischen Truppen im Norden und die italienischen Truppen im Süden unabhängig voneinander Heeresfeldbahnen. Sie dienten rein dem Nachschub von Soldaten und Waffen an die Dolomitenfront. Die Dolomitenbahn verband ab 1921 Toblach im Südtiroler Pustertal mit dem mondänen Cortina d’Ampezzo und führte weiter bis nach Calalzo di Cadore in Venetien. Zu den Olympischen Winterspielen 1956 in Cortina war sie das wichtigste Verkehrsmittel für die Zuschauer. Heute verläuft hier der Dolomiten-Radweg, italienisch „Lunga Via delle Dolomiti“.

Wir machen Halt am berühmten „Drei-Zinnen-Blick“, bewundern die markanten Nordwände des UNESCO-Welterbes.

Mein Mann und ich erfrischen uns kurz im eiskalten Dürrensee. Finni und Filius rasten lieber am Ufer.

Der höchste Punkt unserer gesamten Reise ist der Cimabanche-Pass (Gemärk) auf 1.530 Metern Höhe. Er bildet gleichzeitig die Sprach- und Provinzgrenze zwischen dem deutschsprachigen Südtirol und dem italienischsprachigen Venetien.

Für mich auf dem E-Bike ist das trotz Gepäck und Finni in ihrer Carrozza kein größeres Problem - und die beiden Männer sind ja glücklicherweise sportlich.

Abenteuerlich wird es als wir durch die originalen, beleuchteten Eisenbahntunnel rollen, über alte Viadukte fahren und an den verlassenen, oft charmant verfallenen Bahnhofsgebäuden vorbeikommen. Es geht wunderbar erholsam immer nur bergab.


In Cortina stärken wir uns mit Pizza und testen den Apfelstrudel in der Bar Dolomiti. Die gigantischen Felswände von Sorapis und Antelao (der „König der Dolomiten“) immer fest im Blick.

Intermezzo Spaventoso - Zwischenspiel

Nur wenige Kilometer vor unserem Tagesziel erleben wir noch ein kleines Plattfuß-Intermezzo. Eine fiese Schraube im Reifen! Unser Sohn nutzt den unverhofften Stopp und wendet sich seinem Mobiltelefon zu.

Der Schlauchwechsel ist aber schnell absolviert. Die Fahrt geht weiter, die Tonart stimmt wieder. Müde und etwas später als geplant checken wir schließlich im Hotel Antelao ein.

2. Akt:
Das Idyll im Grünen –
Durchs Piave-Tal nach Belluno

Von den steilen Dolomitenwänden des Cadores folgen wir dem Flusslauf des Piave hinab in ein breiteres, sanfteres Tal.

Die Landschaft wechselt jetzt von alpin zu mediterran-hügelig. Das absolute Highlight dieses Akts ist jedoch unsere Unterkunft: Das wunderschöne B&B Le Zucche, eingebettet in die sanften Hügel bei Belluno.

Vom Badezimmer haben wir einen tollen Blick bis zum Belluneser Dom, vom Schlafzimmer blicken wir direkt auf die grünen Weinreben.

In der wenige Schritte entfernten Trattoria Col di Salce lassen wir es uns gut gehen: formaggi misti, arrosticini di agnello, tagliata di manzo rosmarino su letto di rucola, dolci fatti in casa…

3. Akt:
Passo San Boldo & Castello di San Salvatore – Von Belluno nach Treviso

Heute geht es hinunter in die venezianische Tiefebene.

Doch bevor wir dort ankommen, warten noch weitere Höhepunkte auf uns.

Die fulminante Tunnel-Arie: Der Passo San Boldo -
Die Straße der 100 Tage

Vor uns liegt der Passo San Boldo.

Dieser Pass ist eine absolute Legende: Im Ersten Weltkrieg wurde er in nur 100 Tagen in den Fels gesprengt.

Was folgt, ist die spektakulärste Kurven-Oper unserer Reise.

Der Pass windet sich über fünf Kehren, die komplett in engen, steilen Felstunneln liegen. Das Ganze ist so schmal, dass der Verkehr mit einer Ampel geregelt wird. Für uns heißt das: Konzentration pur! Finnis Carrozza rollt brav und sicher durch die kühlen, dunklen Steingewölbe. Als wir auf der anderen Seite das Tageslicht erblicken und das Panorama sich öffnet, liegt uns das Veneto zu Füßen. Die Bremsen glühen, unsere Augen leuchten!

Das fürstliche Intermezzo am Castello di San Salvatore

Wir rollen nun hinein in die weltberühmten Prosecco-Hügel. Die Landschaft wird sanfter, mediterraner und sonniger.

In Susegana kann ich kaum meinen Augen trauen. Plötzlich taucht es vor uns auf: das Castello di San Salvatore.

Spätestens jetzt weiß ich: das hier ist unsere ganz persönliche Rad-Oper! Diese riesige, geschichtsträchtige Festungsanlage thront seit dem 14. Jahrhundert über den Weinbergen. Wir legen ein fürstliches Intermezzo ein, fotografieren die wehrhaften Mauern und genießen den Blick über die Hügel. Die großen Berge liegen nun endgültig hinter uns.

Das kulinarische Crescendo im Agri Da Zeffi

Die letzten Kilometer in Richtung Treviso sind ein angenehmes Ausrollen in der warmen Nachmittagssonne. Vereinzelt taucht bereits das Symbol Venedigs auf: der Markuslöwe. Etwas müde und erhitzt von der vielen Sonne belohnt uns unser heutiges Tagesziel für jede Mühe: das fantastische Agri Da Zeffi!

Dieses Agriturismo empfängt uns mit einer wunderbaren, ländlichen Ruhe. In unserem Zimmer steht bereits ein großer Korb für ein kulinarisches Konzert aus hofeigenen Produkten und traditionellen Rezepten sowie Prosecco und Wasser für uns bereit. Ein absolut toller Ort, an dem selbst Finni nach einem langen Tag in ihrer Carrozza hochzufrieden neue Freunde im Garten findet.

4. Akt
Großes Finale & Das Park-Rondo am Bici Park

Venezia, die Lagunenstadt! Über die lange Brücke geht es hinein in das große Finale unserer Reise.

Venedig ist erreicht, zunächst steuern wir aber den Bici Park am Piazzale Roma an. Fahrräder und Venedig passen nämlich nicht gut zusammen. Was einfach klingt, entwickelt sich prompt zu einem Verwirrspiel aus Automaten, Tickets und Codes. Aber wir bekommen Hilfe von einem äußerst verständnisvollen italienischen Mitarbeiter – die Räder werden sicher in den Fahrrad-Boxen des Bici Park verstaut.

Unser Palazzo für die Nacht, der Palazzo Cendon, befindet sich an einer kleinen Seitengasse direkt am Canal di Cannaregio, dem zweitgrößten Kanal Venedigs. Zu Fuß laufen wir nur etwa 10 Minuten dorthin. Das historische Ambiente kann die hohen Erwartungen nach unseren bisherigen Traum-Unterkünften zwar nicht ganz erfüllen, aber die Lage ist top.

Zumal unser Sohn eine fantastische Idee hat: Er möchte unbedingt wieder im Restaurant Agli Archi gegenüber essen, wo wir erst letztes Jahr während des Carnevale di Venezia waren. Ein Volltreffer! Wir sitzen an der breiten Promenade direkt am Wasser und erkennen sogar den Kellner vom letzten Mal wieder.

Ich mag dieses Sestiere Cannaregio sehr – mit seinen seelenruhigen Wohnvierteln, wo die Wäscheleinen so herrlich italienisch über die Kanäle gespannt sind.

Bei Cicchetti, Pasta und Wein findet unser Tag einen wunderbaren Schlussakkord.

5. Akt:
Morgen-Arie in Cannaregio

Am nächsten Morgen treffen wir eine weise Entscheidung: Wir lassen das Frühstück im Hotel sausen und holen uns in der Morgensonne der legendären Bar Pontini, direkt am Kanal, lieber die echte italienische Energie! Auch Primadonna Finni findet sofort ein schattiges Plätzchen.

Frisch gestärkt laufen wir anschließend durch das geschichtsträchtige jüdische Ghetto. Es ist das älteste Ghetto der Welt und liegt mitten in Cannaregio. Die Architektur hier ist einzigartig, weil die Häuser damals aus Platzmangel viel höher gebaut werden mussten als im Rest Venedigs – eine faszinierende Kulisse für unseren letzten Spaziergang.

Epilog & Zugabe:
Allegro con Fuoco in Verona –
Regionalzug-Rallye mit Sack, Pack und Hund

Wir sind natürlich überpünktlich am Binario (Bahnsteig) in Venezia Santa Lucia. In der Carrozza mit dem Rad-Symbol finden sich glücklicherweise genau drei Fahrradständer, und auch für Finnis Anhänger – im leicht zusammengefalteten Zustand – ist Platz. Das entspannte Vergnügen dauert allerdings nur 90 Minuten bis Verona.

Schon 30 Minuten vor der Ankunft dort werde ich leicht nervös: Für den Umstieg in den Regionalzug Richtung Brennero haben wir exakt 12 Minuten Zeit. Schaffen wir das? Drei Mountainbikes, Packtaschen für drei Personen, ein Teenager im Schlepptau sowie ein sperriger Radanhänger inklusive dreijähriger Mischlingshündin?

Es wird ein wildes, atemloses Allegro con Fuoco! Wir sprinten zum Bahnsteig, quetschen uns durch Aufzüge und jagen über Treppen. Wir haben geschwitzt, geschoben und gehoben – aber wir haben es geschafft! Auch der Ausstieg in Fortezza ist komplett durchgetaktet, funktioniert aber reibungslos. Was für ein Ritt! Die anschließende zweieinhalbstündige Autofahrt zurück nach Hause ist letztendlich nur noch ein Klacks.

Bravi! Da capo!